Der Fluss und der Fels

Herzensarbeit, Achtsamkeit
Foto: Jeanne Surmont, Schleierfälle an der Ammer

In vormaliger Zeit, als die Menschen noch die Steine sprechen hörten, ging einer von ihnen an einem Fluss entlang. die Sonne schien sehr warm und er fand Schatten unter einem alten, hohen und weit ausladenden Baum. Nicht weit entfernt ragte ein Fels aus dem Fluss und dieser umfloss ihn gerade so, als ob er ihn liebkosen wollte.

 

Er hörte den Felsen lächeln:

 

„Weiss du noch mein Liebster, als ich noch dort neben dir stand und du mir das erste mal deine Liebe gestanden hast. damals habe ich stumm in den Himmel gesehen und gedacht, was will denn dieser Fluss von mir. wir sind so unterschiedlich. ich bin so fest und stehe hier seit Urzeiten und er?

 

Er ist niemals gleich, ständig verändert er sich. Er plätschert und schäumt, ständig schwatzt er. Von mir kommt kein laut. Das war schon immer so und wird auch so bleiben.

 

Dich hat das nicht interessiert, du erzähltest mir von deiner Liebe zu mir, das du siehst, wie die Sonne sich in mir spiegelt, das ich am Morgen blau aussehe und am Abend eher rötlich. Im Frühjahr schmückt mich das Gras grün und im Winter sehe ich im Schnee aus wie seltene Zweibeiner mit ihren weißen Haaren.

 

Du sagst, ich schwatze den ganzen Tag, doch das sind nur die Vögel auf mir und der Wind um mich herum.

und irgendwann hast du es nicht ausgehalten, du bist einfach über deine Ufer getreten, bist einfach zu mir gekommen und hast deinen nassen Leib um mich gelegt. Ach soll er doch, dachte ich noch. Hätte ich doch damals schon deine Kraft erkannt, hätte ich gespürt, wie du mich langsam wankend machst, wie ich meinen Halt aufgebe, um dann mit einem großen Lustschrei in deine Mitte zu stürzen, einfach umzufallen.

 

Mein alter Platz veränderte sich ein wenig an diesem Tag. Die Vögel bauten sich neue Nester, das Gras wächst jetzt auf meinen Füßen. Und du?

 

Du fließt um mich herum, bist einfach da, bringst große Steine mit und Sand, Fische und Krebse.

manchmal bist du wütend und tobst, dann kommen auch tote tiere und bäume. doch meistens bist du einfach da, reibst dich an mir, liebkost mich, beißt mir ein Stück heraus und bist wieder weg und bist immer wieder neu.

 

Und so fließen wir gemeinsam. Wir fließen gemeinsam, ich der Fels und du, der Fluss, zum großen Wasser.

dort finden wir unsere Ruhe.

 

"Hörst du mir eigentlich zu, mein Liebster? Gibt es noch mehr Felsen in dir?"

 

Der Mensch unter dem Baum lachte, er ging zurück zu seiner Frau und küsste sie. Er war sich nicht sicher, ob der Felsen auch die letzten beiden Sätze gesagt hatte.

 

- Frank Ole Haake -